Spreewald 1992/ 2

Der Bootsverleih

Am nächsten Morgen suchte ich den Bootsverleih am Lübbenauer Spreewaldhafen auf, den ich mir am Vortag ausgeguckt hatte. Ich hatte leichte Kreuzschmerzen und einen vollen Bauch. Die Kreuzschmerzen ließen sich unmittelbar auf eine durchgelegene Matratze zurückführen und der volle Bauch auf ein reichhaltiges Frühstück.

Ein großer hagerer Mann mit starkem Bartwuchs kam aus dem Bootshaus. Unter einem ausgebleichten braunen Cord-Hut lugten zottelige Haare hervor. Sein Dialekt war seeehr gewöhnungsbedürftig und ich hatte Mühe ihn zu verstehen. Ich bildete mir ein, das müsse ein Sorbe sein. Die Tagesmiete in Höhe von 25 DM für ein Zweier-Kajak (ein Einer-Kajak war leider nicht verfügbar) war erstaunlich günstig und im Gegenzug erhielt ich einen schlecht kopierten Routenplan und ein Paddel. Meine Erfahrungen mit Wasserfahrzeugen beschränkten sich damals auf Tretbootfahren auf dem Nürnberger Dutzendteich während einer Klassenfahrt  vor zig Jahren.

Und so schulterte ich meinen Rucksack und stieg, unter den belustigten Augen des Bootsverleihers, schwankend in das schwankende Kajak, hatte keine Ahnung von Nichts und paddelte irgendwie nach links. Weg vom Hafen und den großen Ausflugskähnen, denn ich wollte mich nicht zum Gespött der Leute machen. Als spätester möglicher Rückkunft-Termin war 17 Uhr vereinbart. Kein Problem dachte ich in meinem jugendlichen Leichtsinn.

Eine Schleuse. Eine wasss?

Die Sonne schien, es war angenehm warm und ich paddelte fröhlich im Zickzack-Kurs vor mich hin und lies den lieben Gott einen guten Mann sein. Vom Spreewald war noch nicht so viel zu sehen. Meine Paddel-Tour führte mich erst mal durch Wiesen und Felder.

Mein unbekümmertes Paddeln erhielt allerdings recht bald einen Dämpfer, denn ich näherte mich unausweichlich einem Problem, mit dessen Auftreten ich so schnell nicht gerechnet hatte. Eigentlich hatte ich gar nicht damit gerechnet. Ich hatte es verdrängt oder vergessen. Ich näherte mich einer Schleuse. Hmmm …

Natürlich wusste ich, wie eine Schleuse funktioniert: Man macht das eine Schleusentor zu und das andere auf. Oder umgekehrt. Doch wie sagte schon Goethe: Grau mein Freund ist alle Theorie, doch grün des Lebens goldener Baum. Wahrscheinlich war dem ollen Goethe diese Weisheit eingefallen, als er vor einer Schleuse stand.

Und überhaupt, dachte ich, gehört zu einer richtigen Schleuse auch ein Schleusenwärter. Erst neulich hatte ich einen Reisebericht über französische Kanäle im Fernsehen gesehen. Da hatte jede Schleuse einen Schleusenwärter. Die französischen Schleusenwärter waren mir sehr sympathisch. Meist saßen sie direkt an der Schleuse auf einem bequemen Stuhl und flochten Weidenkörbe oder spielten Akkordeon. Und neben dem Stuhl stand ein Tischchen mit Rotwein, Weißbrot, Käse und Sonnenschirm. Und jedes Mal, wenn er die Schleusentore bediente, nahm der französische Schleusenwärter einen großen Schluck Rotwein und rief „Vive la France“. Und am Abend, wenn er vom Rotwein den Kanal voll hatte, fiel er ins Wasser. Ja, so könnte es gewesen sein.

Nach einem geradezu waghalsigen Anlegemanöver beförderte ich mich mit einem beherzten Sprung ans Ufer und schaute mich erstmal um. Es herrschte eine himmlische Ruhe und ich war allein auf weiter Flur. Mir fiel auf, dass mir bisher kein einziges Kajak begegnet war. Niemand war mir entgegengekommen und keiner hatte mich überholt. Und das sollte auch, mit wenigen Ausnahmen, so bleiben.

Gib mir fünf

Nun, ich will die Sache nicht dramatischer machen als sie war: Ich studierte die „Gebrauchsanweisung“ für die Schleuse, las von Ein- und Auslassventilen, die in der richtigen Reihenfolge am jeweiligen Schleusentor zu öffnen, bzw. zu schließen waren – und irgendwann waren mein Kajak und ich tatsächlich „unten“. Voller Stolz paddelte ich weiter. Und dann tauchte ich endlich ein in die zauberhafte, fast magische Wasserwelt  des Spreewalds. Man muss es erlebt haben, es lässt sich nur schwer beschreiben. Sanftes dahingleiten unter einem Dach aus hohen Bäumen. Sonnenstrahlen dringen durch die Blätter. Tanzende, schimmernde Lichtinseln auf dem Wasser, schwirrende Libellen knapp über dem Wasser – herrlich. Hier konnte man träumen, sich verlieren, eins werden mit Wald und Wasser. Oder einschlafen.

Erwähnen muss ich noch den rostig gelben, lautstark vor sich hin tuckernden Schwimmbagger, dem ich unterwegs begegnete und natürlich das Wirtshaus im Spreewald – die Wotschofska. Nach einem weiteren waghalsigen Anlegemanöver aß ich hier zu Mittag – irgendwas mit Kartoffeln und Fisch. Ich wunderte mich, warum die anderen Gäste ihre Paddel mit in die Gaststätte nahmen. Ich hatte mein Paddel im Boot gelassen. Und es war nach dem Essen auch noch da.

So gegen 18:30 Uhr langte ich wieder am Bootsverleih an und kroch mit schmerzenden Schultern und Oberarmen aus dem Kajak. Ich hatte mich etwas übernommen. Sogar ziemlich. Aber das spürte ich erst so richtig am nächsten Morgen. Als der Bootsverleiher mich sah, meinte er nur: „Mit ihnen habe ich heute nicht mehr gerechnet. Habe gar nicht gemerkt, dass noch ein Boot draußen ist.“  Ich glaube, ich grinste etwas gequält, sagte Tschüss und machte mich auf den Weg zum Schloss.

Wenn ich Rückschau halte, dann kann ich sagen, ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die Bäume und die Spreewald-Fließen werden auch heute noch die gleichen sein, und auch die Wodschofska wird ihren rustikalen Charme bewahrt haben, aber so wie im dritten Sommer nach der Wende wird es nie mehr sein.  Schade eigentlich … Oder auch nicht.

(Die Beitragsbilder der beiden Spreewald-Artikel sind übrigens nicht im  Spreeewald entstanden)

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