Spreewald 1992/ 1

Es war im dritten Sommer nach der Wende, als ich mich aufmachte den Osten Deutschlands zu besuchen. Ich hatte ein klares Ziel vor Augen: Den Spreewald.

Der Auslöser, der Entschluss und das Schloss im Spreewald

Dass die Spree durch Berlin fließt war mir bekannt, aber vom Spreewald hatte ich noch nie gehört. Bis zu jenem denkwürdigen Tag, als ich nichts ahnend an einer Buchhandlung vorbeilief. Im Schaufenster prangte ein Bildband mit einem atemberaubend schönen Titelfoto: Eine smaragdgrün schimmernde Wasserlandschaft, ein Kahn am Ufer und ein grünes Blätterdach, durch das wie Blitze die Strahlen der Sonne drangen. Ich bremste scharf, machte auf dem Absatz kehrt, drückte meine Nase an der Schaufensterscheibe der Buchhandlung platt und las: Spreewald. Gut, dachte ich, Spreewald also.

In der Buchhandlung gab es eine Leseecke und so las ich über den Spreewald. Las von den Spreewaldfließen, den Schleusen und den Sorben, die mitten im Wald wohnen. Und war fasziniert. Und weil ich so fasziniert war, schwang ich mich an einem Freitag im dritten Sommer nach der Wende in mein Auto und fuhr nach Lübbenau. In Lübbenau gab und gibt es das Schlosshotel. Und weil ich schon immer ein Faible für Schlösser und Burgen hatte, mietete ich mich am frühen Nachmittag im Lübbenauer Schlosshotel ein. Auf dem Parkplatz parkten Handwerkerautos mit West-Kennzeichen und tief im Bauch des Schlosses dröhnten Bohrhämmer und die Dame an der Rezeption meinte entschuldigend: „Wir sind im Umbau.“

Das Zimmer zum Hof

Mein Zimmer im Schlosshotel hatte eine Höhe von gefühlten 5 Metern und an der Decke prangte die sozialistische Version eines Kronleuchters, eine 3-strahlige Lampe mit  2 intakten Glühlampen. Doch die Leuchtkraft des „Kronleuchters“ stand im keinem Verhältnis zur Höhe des Raumes. Die Einrichtung des Zimmers konnte man nur als karg bezeichnen. Sie bestand im Wesentlichen aus einem Schrank, einem Stuhl, einem Waschbecken, einem Nachtkästchen mit Lampe und einem Bett mit einer Matratze, deren Nutzungsdauer längst überschritten war. Der Preis für das Zimmer stand im krassen Gegensatz zum gebotenen Komfort und war eindeutig bereits auf West-Niveau: Er betrug 90 DM pro Nacht (mit Frühstück).

Die Etagendusche war riesig und in dem halbrunden Raum reihten sich circa 10 Duschkabinen aneinander. Und an der Decke verrichteten 2 Leuchtstoffröhren ihren Dienst – immerhin. An das Etagen-Klo kann ich mich nicht mehr erinnern. Warum weiß ich nicht.

Nun ja, sehr schnell reifte in mir die Erkenntnis, dass es im zweiten Sommer nach der Wende wohl noch etwas zu früh war für einen Aufenthalt im Lübbenauer Schlosshotel. Aber ich nahm es sportlich und verbuchte es unter Abenteuerurlaub.

Abendmahl mit Spreewaldgurken

Nachdem ich mein Zimmer bezogen hatte, tat ich das was ich damals immer tat, wenn ich irgendwo fremd war: Ich ging erst mal auf Nahrungssuche. Und war auch erfolgreich. Fand eine Metzgerei, eine Bäckerei und Bier. Und auf einem Platz am Lübbenauer Spreewaldhafen wurden Gurken verkauft. Spreewaldgurken. Erste Pressung, feinste Bohne.

Am Hafen pulsierte das Leben. Motorräder mit Berliner Kennzeichen machten sich lautstark bemerkbar und der Umsatz des Kiosk florierte. Es war früher Abend, es war Wochenende und Berlin war nicht all zu weit. Aufbruchsstimmung lag in der Luft.

Dann entdeckte ich einen Bootsverleih. Dieser Bootsverleih sollte im weiteren Verlauf meines Aufenthaltes im Spreewald eine entscheidende Rolle spielen. Gleich morgen früh, beschloss ich,  würde ich dem Bootsverleih einen Besuch abstatten. Ganz bestimmt.

Wieder im Schloss ging ich duschen. Es war nicht einfach, eine passende Duschkabine zu finden, denn wer die Wahl hat, hat die Qual. Ich verwarf den Gedanken, mehrere Duschkabinen quasi gleichzeitig zu benutzen und versuchte es stattdessen mit einem Abzählreim.

Frisch geduscht genoss ich im Schein der Nachttischlampe ein opulentes Abendmahl auf meinem Zimmer. Die Schlossmauern waren erstaunlich dick und die Fensterbank eignete sich hervorragend als Ablage für Wurst, Käse, Brot, Gurken und Bier. Und auch ich fand noch Platz auf der Fensterbank.

Spät nachts randalierten besoffene westdeutsche Handwerker im Schlosshof. Bierdosen schepperten und ich brüllte von hoch oben: „Ruhe.“ Seltsamerweise trat dann tatsächlich Ruhe ein und ich konnte weiterschlummern im Bett mit der Matratze deren Nutzungsdauer weit überschritten war.

(Im zweiten Teil geht es um den Bootsverleih und die Folgen)

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