Rotzkis Annäherung an Kamtschatka

Rotzki saß auf der Terrasse des Bootshauses. Sein Blick ging über den See hinweg und verlor sich in der Ferne zwischen Wiesen, Wolken und dem azurblauen Himmel. Seinen Stuhl hatte er gegen die Wand des Bootshauses gekippt, seine Füße schwebten über den Dielen und aus seinem Mund quoll eine Rauchwolke. Er war mit Annabell zum Essen verabredet.

Vor wenigen Minuten war ein Wort in seinem Hirn aufgetaucht: Kamtschatka. Keine Ahnung warum. Rotzki fragte sich, ob es ihm wohl in Kamtschatka gefallen würde? Da er aber nicht den leisesten Schimmer einer Ahnung hatte, was das war, Kamtschatka, würde seine Frage wohl unbeantwortet bleiben. Denn wenn man keine Vorstellung von etwas hat, dann kann man auch nicht wissen, ob es einem dort gefällt. Bei Hawaii zum Beispiel, da war das anders, da wusste er ungefähr was ihn erwartete: Aloha He, Blumenkränze, hohe Wellen, Hula Hula und jeden Tag eine Einladung zum Abendessen mit einer Inselschönheit. Aber Kamtschatka?

Was ihn so maßlos ärgerte, war die Tatsache, dass er schon einmal gewusst hatte, was Kamtschatka bedeutete. Aber er hatte es vergessen. Und neulich, in den Nachrichten, hatte er am Rande „Kamtschatka“ verstanden, aber nicht zugehört. Natürlich hätte er googeln können. Ruck zuck wäre seine Frage beantwortet gewesen. Wie langweilig, dachte Rotzki, viel interessanter war es doch, sich über etwas Gedanken zu machen, vom dem er nicht wusste, was es war. Schließlich hatte er ja Zeit.

Vielleicht war Kamtschatka ein Ort in Nepal oder in Tibet und Buddhistische Mönche liefen durch die Straßen und bettelten um eine Schale Reis? Vielleicht war Kamtschatka auch ein exotischer Mädchenname? In Schwaben würde sich das dann so anhören: „Kamtschatka-le, komm jetzt rein zum Essen.“ Vielleicht hatte er sich aber auch verhört und es hieß gar nicht Kamtschatka sondern Chakka? In Chakka würde es ihm nicht gefallen, das wusste Rotzki sofort.

Kamtschatka klang russisch, also hatte es etwas mit Russland zu tun, beschloss Rotzki, aber was? Rotzki zog an seinem Zigarillo und dachte über Russland nach. Ihm fiel ein, dass das russische Spezialitäten-Restaurant „Europa“ (mit Kegelbahn) in der Stadt, vor einigen Wochen dichtgemacht hatte. Seltsam, dachte Rotzki, es gab auffallend viele Wirtschaften im Land, die den Namen „Europa“ trugen. Und alle wurden von russischen Pächtern bewirtschaftet. Rotzki überlegte, ob man aus der Vielzahl von „Europa“-Lokalen einen Machtanspruch Russlands gegenüber Deutschland ableiten konnte? Waren diese „Europas“ die Vorhut einer russischen Invasion. Brückenköpfe? Brückenköpfe, Rotzki schüttelte den Kopf, was für ein selten dämliches Wort. Noch nie hatte er eine Brücke mit Kopf gesehen.

Ein abstruser Gedanke schoss ihm durch den Kopf. Was, wenn es sich bei den „Europa“-Lokalen in Wahrheit um Stützpunkte des russischen Geheimdienstes handelte? Rotzki erschrak und wäre fast vom Stuhl gefallen. Du gehst rein ins „Europa“, dachte er, bestellst dir einen Borschtsch und wirst vom Wirt, der eigentlich ein Geheimagent ist, als Freund Russlands vermerkt. Scheiße, dachte Rotzki, er war nie im Europa gewesen, als es noch geöffnet hatte, geschweige denn hatte er Borschtsch bestellt. Er hatte seine Chance, doch wer zu spät kommt …

Rotzki kratzte sich am Kinn. Es könnte natürlich auch sein, überlegte er, dass der amerikanische Geheimdienst seine Finger im Spiel hatte und längst alle russischen „Europa“-Lokale übernommen hatte. Wahrscheinlich hatten die Russen auch noch eine fette Ablöse kassiert- Und jeder, der ins Europa ging und Borschtsch bestellte, wurde als Feind Amerikas vermerkt. Vielleicht war das auch der Grund, warum das „Europa“ hier in der Stadt dichtgemacht hatte – weil die Amis einfach keinen Borschtsch kochen konnten. Genau, dachte Rotzki, so muss es sein. Er war froh, nie im „Europa“ Borschtsch gegessen zu haben. Er wollte weder des einen Freund noch des anderen Feind sein.

Rotzki Blick verlor sich in der Ferne, ein schelmisches Lächeln umspielte seinen Mund. Er war kurz vor einem Lachanfall. Aber er kam einfach nicht raus aus der Nummer. Noch nicht.

Neulich war er mit Annabell beim Chinesen gewesen. All you can eat für 6,50 Euro, billiger konnte man nicht essen. Und so langsam dämmerte ihm, warum es dort so billig war. Auch der Chinese war in Wahrheit ein Geheimdienst-Stützpunkt, das ganze Lokal war verwanzt, alle Gespräche wurden mitgeschnitten und die Gäste heimlich fotografiert. Und der alte Chinese, der Wirt, saß bis spät in die Nacht, wertete die Daten aus und funkte seine Ergebnisse nach Peking. Kein Wunder, dachte Rotzki, das der tagsüber rumlief wie ein Schlafwandler, die Augen fast ganz geschlossen. Der Begriff Schlitzauge bekam plötzlich eine ganz neue Bedeutung. Rotzki kicherte. So ein Quatsch, dachte er.

Seit einigen Tagen hatte das ehemalige russische Spezialitäten-Restaurant „Europa“ wieder geöffnet. In großen Metaxa-Lettern stand jetzt auf dem Schild am Eingang „Alexandros“. Wahrscheinlich ein Grieche. Rotzki dachte über sein Verhältnis zu den Griechen nach. Die Erinnerung an einen unangenehmen Vorfall stieg in ihm hoch. Eine Bonuskarte spielte darin die Hauptrolle. Es …

Annabell kam den Steg entlang. Sie war schön wie immer. „Und Rotzki, in welches Lokal gehen wir heute?“
„In den Fränkischen Hof“, brummte Rotzki, noch ganz gefangen in seinen Visonen.
„Oh cool, die haben da einen neuen Koch, einen Russen. Der Borschtsch soll ganz vorzüglich schmecken.“

„Wasss???“ Rotzki lachte lauthals.
„Alles klar bei dir?“ Annabell warf ihm einen fragenden Blick zu.
„Alles klar.“

„Ach Annabell, was ich dich noch fragen wollte. Sagt dir Kamtschatka was?“ Rotzki legte eine Hand auf ihren Hintern.
„Kamtschatka? Natürlich, so heißt mein neues Parfüm. Riechst du es nicht? Kamtschatka, der Duft der Wildnis.“

Und so weiß Rotzki noch immer nicht, wer oder was Kamtschatka ist. Aber das ist gelogen, denn natürlich hat er inzwischen gegoogelt.

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