Die letzte Beichte

Wenn ich morgens in die Arbeit fahre, weiß ich, dass ich am Abend wieder Zuhause sein werde. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche, oder? Wobei ich mich damit nicht mehr so sehr auskenne – mit dem Amen. Eigentlich kannte ich mich damit noch nie aus. Aber man musste so tun als würde man sich auskennen. Bis man merkte, dass es sinnlos war. All die Jahre der Indoktrination – wenn ich das mal so hart sagen darf – haben nichts genutzt, waren verschwendete Zeit und die Erinnerung daran bald verblasst. Geblieben sind die zehn Gebote und ein diffuser naiver Gottglaube, der immer mal wieder im Hintergrund rumort, hüstelt und sich räuspert – ich nenne diesen Vorgang „Gewissen“. Ich finde das nicht schlecht, lebe gut damit und mache mir deswegen keine Gedanken.

Der Stadtpfarrer meiner Kindheit war ein blasser, fetter Mensch. Weder Fisch noch Fleisch, ein undefinierbares Wesen aus einer anderen Welt, in die er 1962 endgültig aufging. Alles an ihm war lila. Sein Wesen, die Adern in seinem Gesicht, die Knollennase, sein Gewand – alles. Ein Fleischberg in lila, so lila wie meine Schlaghosen in pubertären Zeiten.

Der Nachfolger war ein scharfer Hund, ein Glaubensmann von echtem Schrott und Korn, zwar auch lila, aber doch anders. Er war beseelt von einem missionarischen Eifer, der ihm aus allen Poren tropfte und einen Gestank verbreitete, der es mir unmöglich machte, ihm nahe zu treten. Er war der Grund, warum ich aus der Kirche ausgetreten bin.

Es war diese Beichte an jenem Samstagnachmittag in dem Beichtstuhl, in dem der Herr Stadtpfarrer saß, die dem Katholiken in mir das Genick brach. Noch heute höre ich es knacken. Es waren diese bohrenden Fragen auf mein nichtssagendes Beichtgeschwafel, es war dieses Zuviel an Rosenkranz und Vaterunser das mich rebellieren ließ und in mir die Erkenntnis reifen ließ, dass es den „Lieben Gott“ – und den Herrn Stadtpfarrer schon dreimal nicht – einen Scheißdreck angeht, was ich in meinem Leben tue oder nicht. Er hatte die Zeichen der Zeit nicht erkannt und wusste nicht, dass seine Rosenkränze und Vaterunser gegen „Wild Thing“ und „You Really Got Me“ nicht anstinken konnten. Er hatte seine Chance, aber er hat sie nicht genutzt.

Ich habe meine letzte Beichte damals nicht gefeiert. Ich war jung und hatte kein Geld. Und wenn es notwendig war, ging ich auch weiterhin in die Kirche. Natürlich hatte ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich mir ungebeichtet die Oblate, die immer am Gaumen klebte, in den Mund legen ließ. Ich musste mir selber eingestehen, es war nicht weit her mit meiner Rebellion. Ich wahrte die Fassade, wie so viele. Aber diese Fassade zeigte deutliche Risse und fing an zu bröckeln. Ein schleichender, fast schon sanfter Vorgang, der sich über Jahre hinzog. Eine Abrissbirne war nicht nötig.

 

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