Haller Sole: ‚O sole mio

Wenn Bruno durch die Panoramafenster schaute, sah er graue Mauern und blauen Himmel. Die grauen Mauern waren weit genug weg, so dass sie nicht allzu deprimierend wirkten. Noch weiter weg war der blaue Himmel, der an diesem Tag tatsächlich blau war – herbstlich blau. Bruno lächelte. Gab es diese Farbe überhaupt – herbstblau? Natürlich gab es diese Farbe, denn der Himmel war heute herbstblau.

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Graue Mauer mit grünen Pflanzen

Vor wenigen Minuten hatte sich Bruno in den Strömungskanal eingeklinkt und schwamm im Mainstream mit. Die dunkelblaue Schwimmnudel unter den Achseln gab ihm Auftrieb, die Sole im Wasser tat ein Übriges. Bruno freute sich wie ein Schneekönig. Oh wie schön, dachte er, und beschloss den Rest seines Lebens hier im Vital-Rundbecken zu verbringen. Immer links herum, völlig entspannt und für jede Bewegung und jeglichen Körperkontakt offen. Beschleunigungsdüsen in der Beckenwand trieben ihn voran.

Wieder trudelte Bruno an der Fensterfront vorbei. Die grauen Mauern, die auf der anderen Uferseite vom Kocher entlang der Salinenstraße aufragten, gehörten zum ehemaligen Landesgefängnis. Die Haller hatten dem Gemäuer respektlos den Spitznamen „Kocherhotel“ verpasst. Doch schon seit einigen Jahren beherbergte das „Kocherhotel“ keine kriminellen „Gäste“ mehr. Man hatte es zu einem „Haus der Bildung“ umfunktioniert. Links neben dem ehemaligen Landesgefängnis machte sich der wie ein Bollwerk aufragende Neubau der VR-Bank breit. Irgendwie war das Panorama nicht sonderlich berauschend, stellte Bruno fest. Schade eigentlich

Drei Schwestern hatten in der Sitzecke vor den Panoramafenstern Platz genommen. Die älteste Schwester war schwanger. Als Bruno mit seiner Schwimmnudel vorbeitrudelte, aßen die Schwestern gerade geschnetzeltes Obst aus einer Plastikschüssel und tranken Saft aus einer halbtransparenten Plastikflasche. Das alles gab es an der Vital-Bar. Vital-Bar – was für ein Frevel, dachte Bruno und erinnerte sich an eine Bar in der oberen Herrengasse, die diesen Namen auch verdient hatte. Auch dort war es manchmal sehr vital zugegangen. Gut und Böse, Schönes und Hässliches – das alles lag dort nah beieinander – damals.

Lange war Bruno nicht mehr in Hall, geschweige denn im Haller Solebad, gewesen. Es mochte bald 20 Jahre her sein. Mein Gott, wie die Zeit vergeht. Bruno war zerknirscht. Die orangefarbene Lampe am Eingang zum Rundbecken hörte auf zu blinken. Der Strömungskanal war jetzt außer Betrieb, doch der Schwung des Wassers reichte noch für 2 – 3 Runden.

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Torturm mit sehr roten Ziegeln

Bruno watete zur Mitte des Beckens. Dort schäumte das Wasser – die Sprudelliegen waren in Betrieb gegangen. Rechts daneben befand sich eine Art Steh-Whirlpool. Ein Mann mit eisgrauem Bart stand dort und schaute mit verklärtem Blick über das Vital-Rundbecken. Bruno watete hinein und setzte sich auf das metallene Geländer, das auf halber Höhe innen am Whirlpool entlang lief. Bruno schaute durch die Panoramascheiben nach draußen, grunzte vor Wohlbehagen und dachte an nichts. Sein Körper wurde heftig durchgewalkt, die Glocken läuteten und nach einer Weile verselbstständigte sich ein Teil von Brunos Körper –völlig ohne Grund. Und plötzlich wurde ihm klar, warum der Mann neben ihm so Verklärt in die Welt blickte. Oh, wie schön, dachte Bruno und beschloss den Rest seines Lebens hier im Steh-Whirlpool im Vital-Rundbecken zu verbringen. Nur mit Mühe konnte er sich einen Lachanfall verbeißen, es war auch zu komisch.

Als sich der Steh-Whirlpool abschaltete, watete Bruno zum Einstieg des Vital-Rundbeckens, hängte die Schwimmnudel übers Geländer und richtete seine Badehose. Dann nahm er sein Handtuch vom Haken und stieg die Stufen hoch, die zu der Empore mit den Ruheräumen führte. Er suchte sich eine freie Liege, legte sein Badetuch darüber, legte sich dann selber auf die Liege – und schlief.

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