Wem die Stunde schlägt


Ich trage sie schon lange. 27 Jahre? Es dürfte hinkommen. Ich trage sie links. Wie die meisten Männer. Obwohl ich Linkshänder bin. Sie war teuer – damals. 550 DM hat sie gekostet. Eigentlich zu teuer. Aber es mußte genau diese sein. Gesucht und gefunden.

Hergestellt wurde sie von Michel Herbelin – einem Franzosen. Obwohl er Michel heißt. Ich habe nur diese Eine. Nie hatte ich das Bedürfnis, noch eine weitere zu kaufen. Warum auch?

Der Zahn der Zeit ging nicht spurlos an ihr vorüber. Erst verlor sie die Krone. Doch der Meister konnte es richten. Einmal wurde sie nass und lief innen an. Auch das konnte der Meister richten. Dann fiel einer der Stifte, die die Glieder des Edelstahlarmbandes zusammenhalten, heraus und ward nicht mehr gesehen. Doch ich hatte eine zündende Idee – und eine kleine Büroklammer. Ich zwickte ein Stück Büroklammerdraht ab und schob das Stück Draht als Ersatzstift in die Ösen der Metallglieder und bog die Enden um. Operation gelungen.

Dann machte die Faltschließe Ärger. Sie verlor die Spannung. Und ich verlor mehrfach fast meine Uhr. So geht das nicht, dachte ich. Und ich fand eine Möglichkeit, die Faltschließe wieder verschlusssicher zu machen. Seither nehme ich immer einen dieser schmalen Plastikstreifen mit denen man normalerweise Gefrierbeutel verschließt. Ich schiebe den Streifen zwischen Haut und Armband und zwirble die Enden zusammen. Hält hervorragend.

Gut, die Krone, das Armband, der Verschluß – alles nicht so schlimm, alles nicht so tragisch. Aber neulich passierte etwas schlimmes. Und das hätte unserer Beziehung fast den Garaus gemacht. Neulich … fiel meine Uhr im Bad auf den Fliesenboden. Unachtsamkeit. Depp!

Nun, es war wirklich ein schwerer Schlag für meine Uhr. Der Sekundenzeiger, der seit 27 Jahren klaglos seinen Dienst verrichtete, löste sich vom Zapfen und legte sich quer. Alle Versuche, den Sekundenzeiger zurück auf den Zapfen zu schütteln, schlugen fehl. Ich habe es dann bleiben lassen. Ich habe akzeptiert, dass der Sekundenzeiger ständig die Position wechselt, dass er manchmal die anderen Zeiger blockiert. Dann nehme ich halt meine Kombizange (man erinnere sich … die Krone fehlt) und drehe so lange am Stellzapfen hin und her, bis der Sekundenzeiger wieder frei ist … bis zur nächsten Blockade.

Aber es ist seltsam, die letzten Tage konnte die Zange in der Schublade bleiben. Die Uhrenzeiger haben sich eingespielt und der Sekundenzeiger dreht sich einfach mit.

Nun könnte man sagen, meine Uhr tickt nicht mehr richtig. Aber mal ehrlich … was ist schon Zeit.

4 Kommentare

  1. Sehr schön. Halte sie in Ehren. Mit manchen Dingen geht man Zeit seines Lebens eine Symbiose ein.
    (…als wär’s ein Stück von mir….) Lewi

  2. So liebte meine Mutter ihre Glashütter, die nie aufgezogen werden musste, die keine Umweltsünde durch Batterien verursachte und die immer genau ging. Das Armband war elastisch und warf keine Stifte von sich.

  3. Es geht nichts über eine ordentliche Armbanduhr. Sie ist wichtiger als das Statussymbol Auto. Hat man die Richtige erwählt, ist der Mann komplett.

    1. Genau so ist es. Ich werde wohl demnächst mal beim Uhrmacher vorbeischauen und eine Generalüberholung in Auftrag geben.

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