Erinnerung an Karl – einmal Russland und zurück

Schloß ob Ellwangen 300907

Diese Geschichte habe ich vor circa einem Jahr aufgeschrieben. In den letzten Tagen wurde im ZDF der Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ gezeigt. Irgendwie passt das gerade alles zusammen.


Erinnerung an Karl

Als Karl aus dem 2. Weltkrieg heimkehrte, da war ich noch gar nicht geboren. Und ich weiß auch nicht, ob meine Heimatstadt auch seine Heimat war, oder ob er hier nur gestrandet ist. Aber irgendwann ist er wohl in meinem Geburtsort, einer schwäbischen Kleinstadt, aufgetaucht.

Schwer traumatisiert und vielleicht etwas wirr im Kopf. Aus der Bahn geworfen durch diesen Krieg wie so viele. Man weiß nicht mit Bestimmtheit, ob er sich alleine durchgeschlagen hat, oder ob man ihn, wie viele andere auch, in einen dieser Viehwaggons gepfercht und dann über Polen zurück nach Deutschland transportiert hat.

Karl war ein großer, ein stattlicher Mann. Der Traum jeder Schwiegermutter, etwas mager vielleicht. Er hatte dunkle Haare und rote Wangen. Und immer war er in Bewegung, immer in Eile, immer noch auf der Flucht. So wie er auch aus Russland geflüchtet war, aus dem Krieg, aus der Hölle. Soweit die Füße tragen. Und dort, in Russland, da hatte Karl vor sich und vor seinem Gott ein Gelübde abgelegt: Falls es ihm gelingen sollte, der Hölle dieses Krieges zu entfliehen, dann, ja dann würde er die Kleider und die Stiefel, die ihn auf dem langen Weg zurück in die Heimat „bekleidet“ hatten, die nächsten 20 Jahre nicht mehr ablegen. Und er würde den Armen und Hilfsbedürftigen dienen – so sagten die Leute.

Und Karl hat sich an sein Gelübde gehalten.

Und so huschte Karl fortan, Tag um Tag, Jahr um Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt, durch die Straßen meiner Heimatstadt. Bekleidet mit seiner verschlissenen Wehrmachts-Uniform, die von Jahr zu Jahr fadenscheiniger wurde und bald nur noch aus aufgenähten Flicken bestand. Patchwork. Und damit die Hose nicht rutschte band er sich eine grüne Gärtner-Schürze um, die gut mit dem graugrün der Wehrmachts-Uniform harmonierte.

Karl erledigte Botengänge, Karl kaufte ein. Und die Einkaufstaschen hingen dann am Lenker seines alten, klapprigen Drahtesels. Karl brachte Wäsche in die Mangstube der Frau Brenner und holte die fertige Wäsche wieder ab. Oft sah man Karl auch mit einer Schubkarre, in der Hacke und Schaufel lagen, wenn er auf dem Weg zu einem Garten war, dessen Pflege er übernommen hatte. Und im Winter sah man Karl mit einer Kohlentrage auf dem Rücken, schwer beladen mit Kohle-Briketts. Und wenn es bitter kalt war, hüllte er sich in seinen löchrigen Wehrmachts-Mantel.

Stets hatte er ein Lächeln im Gesicht. Ein scheues Lächeln. Fast schien es, als wollte er sich entschuldigen. Entschuldigen dafür, dass er da war, dass er nicht gestorben war in Russland, dass man ihn jetzt ertragen musste. Doch die Menschen in meiner tief katholischen Heimatstadt respektierten Karl und sein Gelübde – natürlich. Keiner zeigte mit dem Finger auf ihn oder machte sich lustig. Ein paar dumme Kinder vielleicht – wie Kinder eben sind. Und so verschwand dieses scheue Lächeln schon bald aus Karls Gesicht und wich etwas Anderem, Schönerem: So sehr ging er in seiner selbst gestellten Aufgabe auf, und so zufrieden war er dabei, dass sein Gesicht von innen heraus zu leuchten begann.

Ja, und als die 20 Jahre vorbei waren, da machte Karl einfach weiter. Was hätte er auch sonst tun sollen.

Ich sah ihn damals oft, den Karl, als ich in die Grundschule am „Schöner Graben“ ging, der grünen Lunge meiner Heimatstadt. Das war Karls Revier und hier, in der Nähe der Marienkirche, wohnte er auch. Ein bisschen komisch kam er mir ja schon vor. Aber je älter ich wurde und je mehr ich verstand, umso größer wurde mein Respekt vor diesem Mann.

Einige Jahre später und rein zufällig, sah ich Karl in einem schwarzen Anzug und mit Krawatte und – einem Blumenstrauß in den Händen. Gut sah er aus, der Karl. Er war wohl geehrt worden. Und dieses Leuchten in seinem Gesicht war an diesem Tage besonders stark.

Dann habe ich Karl aus den Augen verloren und wohl auch vergessen. Neulich fiel er mir wieder ein, dieser merkwürdige Mann und sein Gelübde. Und damit es mir nicht nochmal passiert, dass ich Karl vergesse, habe ich seine Geschichte, soweit sie mir bekannt ist, aufgeschrieben. Gerne hätte ich ein paar Informationen aus dem Internet „gezogen“. Aber, nun ja. Wie konnte ich auch erwarten, dort etwas über einen Mann wie den Karl zu finden. Die ruhmreichen Bürgermeister meiner Stadt sind  natürlich alle vertreten.

So kann man also sagen, dass dieser 2. Weltkrieg auf geradezu perverse Art und Weise auch etwas Gutes bewirkt hat. Kann man das so sagen? Eigentlich nicht. Ich glaube, wir alle hätten gerne auf Karl und sein Wirken verzichtet, wenn uns stattdessen der 2. Weltkrieg erspart geblieben wäre. Und auch Karl hätte gerne auf diesen Krieg verzichtet. Es wäre ihm vieles erspart geblieben.

2 Kommentare

  1. Diese Geschichte hat mich tief bewegt und Erinnerungen hervorgerufen. Ich bin 1934 in Berlin geboren unid habe noch sehr wache Erinnerungen. An den Endkampf um Berlin und die Kriegs- und Nachkriegsjahre. Anscheinend lernt der Mensch nicht aus Erfahrungen und Erinnerungen und die Kriege werden immer schlimmer.b Einem Karl wird man heutzutage kaum noch begegnen können. Danke, Gunslinger

    1. Heute werden z.B. Bundeswehrsoldaten nach Kriegseinsätzen psychologisch betreut. Ob’s was bringt, weiß ich nicht. Aber um die überlebenden Soldaten des 2. Weltkrieges kümmerte sich niemand. Viele trugen diesen Krieg ein Leben lang mit sich herum, was natürlich auch Auswirkungen auf das familiäre „Umfeld“ hatte.

      Schönen Abend weiterhin :-)

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